Ich habe beides gemacht: jahrelang Dienstleistung, inzwischen eigene Produkte. Der Unterschied liegt nicht darin, dass das eine kreativer wäre als das andere – Konzepte zu entwickeln und ein Projekt bis zur Übergabe zu bringen ist schöne Arbeit. Der Unterschied liegt woanders, und wer ihn nicht kennt, scheitert beim Wechsel.
Bei der Dienstleistung bekommst du Sicherheit – und gibst das Ergebnis ab
Ein Auftrag hat alles, was man sich wünscht. Jemand sagt, was er will. Jemand sagt, wann es fertig ist. Jemand bezahlt dafür, und zwar bevor man weiß, ob die Idee gut war. Das Risiko trägt der Kunde.
Bezahlt wird dafür mit zwei Dingen. Zum einen mit einer harten Obergrenze, denn man wird für Zeit bezahlt, und Zeit lässt sich nicht vermehren – mehr verdienen heißt mehr Stunden oder höhere Sätze, und beides endet irgendwann. Zum anderen damit, dass am Ende etwas Fertiges dasteht, das jemand anderem gehört. Das ist völlig in Ordnung und war so vereinbart; es fällt einem nur mit den Jahren immer stärker auf.
Beim eigenen Produkt bleibt das Ergebnis – dafür fehlt der Boden
Ein Produkt kann man einmal bauen und hundertmal verkaufen. Das ist der ganze Reiz. Die Kehrseite: Niemand sagt, was er will. Niemand sagt, wann es fertig ist. Und bezahlt wird erst, wenn es draußen ist – falls überhaupt.
Das klingt nach einem Risiko-Unterschied, und das ist es auch. Wichtiger ist aber ein anderer Unterschied, den ich unterschätzt habe: Beim Auftrag ist das Ziel gegeben, beim Produkt muss man es erfinden – und zwar jeden Tag neu.
Was sich vom einen auf das andere übertragen lässt
- Kundengespräche. Wer jahrelang gehört hat, wie Leute ihre Probleme beschreiben, erkennt im eigenen Shop die Muster wieder. Mein Produktfinder ist aus Supportanfragen entstanden, nicht aus einer Analyse.
- Die Abgabedisziplin sollte man unbedingt mitnehmen, denn bei Aufträgen gibt es Termine, und ohne diese Gewohnheit wird beim eigenen Produkt nie etwas fertig.
- Das Kalkulieren bleibt dasselbe Handwerk, denn ein Angebot zu schreiben und ein Produkt zu bepreisen ist dieselbe Übung, nur in anderer Reihenfolge.
Und was nicht
Die Gewissheit. Bei einem Auftrag weiß man nach dem Zuschlag, dass man richtig lag. Bei einem Produkt weiß man es frühestens Monate später, und oft nie eindeutig. Wer diese Rückmeldung braucht, um weiterzumachen, sollte bei Aufträgen bleiben – das ist keine Schwäche, sondern eine ehrliche Selbsteinschätzung.
Ebenfalls nicht übertragbar: das Gefühl, fertig zu sein. Bei einer eigenen Sache gibt es keinen Abnahmetermin. Man muss ihn sich selbst setzen, und man muss ihn einhalten, obwohl niemand nachfragt.
Der Mittelweg, der meistens nicht funktioniert
Beides gleichzeitig. Ich habe es jahrelang versucht. Es scheitert nicht an der Zeit, sondern an der Reihenfolge: Die bezahlte Stunde schlägt die unbezahlte jedes Mal, und zwar zu Recht. Wer wechseln will, muss irgendwann eine Tür zumachen.
Bei mir war das der Oktober 2023. Ob es die richtige Entscheidung war, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Dass sie nötig war, schon.