Sieben Jahre lang habe ich Existenzgründer begleitet, und ich habe es gern gemacht. Aufgehört habe ich nicht im Streit, sondern weil ich irgendwann mehr Zeit damit verbrachte, hinter Rechnungen herzutelefonieren, als Entwürfe zu machen.
Wie es anfängt
Am Anfang sitzt dir jemand gegenüber, der eine Idee hat und sonst nicht viel. Das Budget ist klein, der Mut ist groß, und du findest die Sache gut – also machst du den Preis so, dass es geht, und lieferst ein bisschen mehr als vereinbart. Der kurze Anruf zwischendurch wird nicht berechnet, die dritte Korrekturschleife auch nicht, und den Flyer legst du obendrauf, weil er in einer halben Stunde fertig ist.
Das ist keine Dummheit, sondern genau die Haltung, mit der man in diesem Beruf anfängt. Man will, dass die Sache läuft.
Wie es kippt
Das Problem zeigt sich erst später, und es zeigt sich leise. Wenn der Laden dann läuft, ist die Hilfe nämlich keine Hilfe mehr, sondern eine Gewohnheit. Es wird nicht mehr gefragt, sondern geschrieben: „Kannst du kurz …“ – und das „kurz“ meint selten zwanzig Minuten.
Gleichzeitig wandert die offene Rechnung nach hinten. Nicht aus bösem Willen, sondern weil Geld, das schon da ist, dringendere Empfänger hat als jemand, der ohnehin nie mahnt. Und wer einmal signalisiert hat, dass er auch ohne Bezahlung weitermacht, hat das Signal gesetzt, nicht der andere.
Irgendwann stand ich an dem Punkt, an dem dieselben Leute, deren Rechnungen seit Monaten offen waren, die nächste Anfrage schickten. Keine böse Absicht, keine Ausnahme – einfach ein Muster, das ich selbst mit aufgebaut hatte.
Woran es wirklich lag
Der unangenehme Teil zuerst: Den größeren Anteil daran hatte ich. Ich habe Umfang nicht schriftlich festgehalten, keine Teilzahlungen vereinbart und nie klar gesagt, wo die vereinbarte Leistung endet und der Gefallen anfängt. Wenn das niemand ausspricht, verschiebt sich die Grenze automatisch – und zwar immer in dieselbe Richtung.
Der zweite Teil ist weniger angenehm, aber genauso wahr: Dankbarkeit ist keine Währung, auf die man ein Geschäft bauen kann. Sie ist ehrlich gemeint, sie hält aber nur bis zur nächsten dringenden Rechnung. Wer darauf setzt, dass sich jemand später revanchiert, wenn es gut läuft, rechnet mit einem Posten, den es in keiner Buchhaltung gibt.
Was ich heute anders mache
- Der Umfang steht schriftlich, und zwar in einfachen Sätzen und vor dem ersten Entwurf. Nicht, um jemanden festzunageln, sondern damit beide dasselbe meinen, wenn sie „fertig“ sagen.
- Es wird in Teilen gezahlt, ein Teil vorab. Wer das nicht kann, kann das Projekt auch sonst nicht tragen – und dann ist es freundlicher, das vorher zu merken als hinterher.
- Umsonst ist kein Einstieg. Ein günstiger erster Auftrag ist in Ordnung, ein kostenloser setzt den Preis für alles, was danach kommt – auf null.
- Ein frühes Nein ist freundlicher als ein später Groll. Das habe ich am längsten gebraucht, um es zu lernen.
Und trotzdem
Ich würde die Jahre nicht missen wollen. Man sieht an fremden Vorhaben Dinge, die man bei den eigenen übersieht, und ich habe in dieser Zeit mehr über Geschäfte gelernt als in jedem Kurs. Die meisten Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, waren angenehm, und einige sind es bis heute.
Es passt nur nicht mehr zu dem, was ich machen will. Wenn ich heute abends an etwas arbeite, gehört es am nächsten Morgen immer noch mir, und es ruft niemand an, um kurz noch etwas geändert zu bekommen. Dafür ruft auch niemand an, um zu sagen, dass es gut geworden ist – das muss man sich dann eben selbst sagen.